Anthony McCarten – Ganz normale Helden

Das Leben der Familie Delpe gleicht dem virtuellen Schlachtfeld des Onlinespiels „Life Of Lore“, in dem sich der 18-jährige Jeff Delpe Tag für Tag verliert. Seit sein 14-jähriger Bruder Donny vor einem Jahr verstarb sind Jeff und seine Eltern Einzelkämpfer mit dem verzweifelten Wunsch, den Weg aus der Trauer und dem Schmerz zu finden. Statt liebevoller Unterstützung und gemeinsamer Trauerarbeit herrscht bei den Delpes eine Atmosphäre von Hoffnungslosigkeit, gegenseitigem Unverständnis und Verlustangst. Die vielen Auseinandersetzungen, die aus dieser Situation entstehen, gleichen emotionalen Schlachten. Als Jeff diesen Zustand nicht mehr erträgt, beschließt er, dass seine Eltern nun einen anderen Zusammenhalt für ihre gescheiterte Ehe als ihren Erstgeborenen finden müssen, und flüchtet in eine ungewisse Zukunft fernab seiner Eltern. Während sich Jim und Renata nun jeder auf die eigene Art und Weise auf die Suche nach dem verschwundenen Sohn machen, müssen sie sich ebenso wie Jeffrey weiterhin mit dem Verlust des jungen Donny auseinandersetzen.

Die Familie ahnt Familie nicht, wie sehr sich die verschiedenen Arten der Trauerbewältigung ähneln. Jeff versteckt sich weiterhin in der Welt von „LOL“ und schafft seinem jüngeren Bruder dort ein virtuelles Andenken. Derweil chattet Renata regelmäßig mit einem Unbekannten, der sich „Gott“ nennt. Nur Jim ist das Internet zunächst suspekt. Er beschließt, dass ein Umzug von London auf das Land der beste Weg ist, um der Familie wieder ein bisschen Glück zu bieten. Doch als er merkt, dass ihm nun auch der Verlust des ältesten Sohnes droht, beschließt er, Jeffs Welt im World Wide Web zu erkunden und seinen Sohn zu finden. Kurzerhand registriert er sich bei „Life Of Lore“. Anders als erwartet wird auch er von dem Spiel gefesselt und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die letzten Reste seiner Ehe bröckeln; Jim erkennt, dass das Haus nicht der lang ersehnte Neuanfang ist und seine Partner in der Kanzlei keinen Gebrauch mehr für seine Arbeit haben. Was sich zunächst als Katastrophe abzeichnet, wird plötzlich die letzte Chance für Familie Delpe.

„Gänzlich verschwunden der aufsässige Jugendliche, der lebte, als hätte er permanent die FESTSTELLTASTE GEDRÜCKT, alles war ÜBERTRIEBEN UND SUPERDRINGEND UND ZU GROSS GESCHRIEBEN, GEFÜHLE WICHTIGER ALS VERSTAND, TRÄUME WICHTIGER ALS DAS GEWISSEN, ANGETRIEBEN VON SO VIEL ÜBERZEUGUNGSWILLEN UND HYPE, DASS DIE GRENZE ZWISCHEN FAKT UND FIKTION SCHLIESSLICH … VERPUFFT. Dieser Junge? Nicht mehr da. “ (S. 29)

Anthony McCarten hat mit dem Roman Ganz normale Helden die Fortsetzung zu Superhero veröffentlicht. Superhero befasst sich mit dem 14-jährigen Comiczeichner Donald Delpe, der dem Krebs erliegt. Ganz normale Helden knüpft an diese tragische Geschichte an und begleitet die Familie Delpe einige Monate nach Donnys Tod bei der Trauerarbeit im Alltag. Auch ohne Kenntnis des Vorgängerromans führt Anthony McCarten den Leser gefühlvoll in die von Schmerz und Trauer geprägte Welt der Familie Delpe ein. Mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit beschreibt er eine paradoxe Atmosphäre von Gleichgültigkeit und Verlustängsten. Kommunikation ist in dieser Familie scheinbar nur virtuell möglich. Die zwischenmenschliche Kommunikation ist auf ein Minimum beschränkt und zeigt eindrucksvoll das Ausmaß der familiären Probleme. Nach einigen Seiten wird bereits deutlich, wie schmerzlich Jeffs Lage ist. Der tote Donny gleicht in den Augen der Mutter mittlerweile einem Heiligen. Jeff hingegen muss sich ständig mit dem Misstrauen seiner Eltern und dem kaputten Familienleben auseinandersetzen. Letztendlich scheint es fast eine logische Konsequenz, dass er verschiedene Formen der Flucht ergreift.

Der Roman Ganz normale Helden beschäftigt sich mit der Trauer, der modernen Familie und besonders der Rolle des World Wide Web im täglichen Leben. Anthony McCarten schafft es, das Internet nicht zu relativieren. Er präsentiert einfühlsam die Bedeutung und den Einfluss der virtuellen Vernetzung auf die Kommunikation, das Zusammenleben und die Emotionen im realen Leben. Die Gefahren, die sich hinter der Anonymität des World Wide Web verbergen, aber auch die kleinen Lichtblicke, wie die ehrliche und fürsorgliche Gestalt namens „Gott“, werden im Roman ohne mahnenden Zeigefinger beschrieben. Erstaunlich, wie hier so unterschiedliche Themen mithilfe von authentischen Figuren zu einem so emotionalen Roman verschmelzen. Anders als erwartet, handelt es sich hier nicht um einen schwermütigen Roman. Vielmehr blitzt auf jeder Seite ein kleiner, verloren geglaubter Funke Hoffnung auf.

Der Diogenes Verlag bietet hier eine Leseprobe zum Download an.

Roman, Hardcover Leinen, 464 Seiten.
Erschienen: September 2012 im Diogenes Verlag.
ISBN: 978-3-257-06794-1
€ (D) 22,90 / (A) 23,60
SFR (CH) 32,90*
* unverb. Preisempfehlung

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