Kathrin Weßling – Drüberleben

Ida Schaumann, 24, Diagnose F32.2 – schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome.

Bereits ihr halbes Leben fühlt sich Ida ungeliebt und ausgegrenzt. Als die einzige Freundin Julia vor sieben Jahren stirbt, bricht für sie eine Welt zusammen. Sie fällt in ein Loch, aus dem sie sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann. Mit steigender Anzahl der Klinikbesuche sinkt das Mitgefühl der Umwelt. Wo Ida zunächst vielleicht einen Funken Mitgefühl erwarten konnte, erntet sie nach den unzähligen Behandlungen häufig nur noch hilfloses Unverständnis, denn noch immer ist sie in einem Teufelskreis aus Scham, Verzweiflung, Panik und Resignation gefangen. Doch Ida ist eine Kämpferin. Sie kämpft und verliert und kämpft und verliert und kämpft und verliert.

Heute kämpft sie wieder. Sie wehrt sich gegen das Monster im Kopf, das verhindert, dass Ida das eigene Leben in die Hand nimmt. Ida kämpft gegen die Gedanken, die ihr die letzte Kraft aus dem ohnehin schon geschundenen Körper saugen; ihr einreden, dass die Welt sie nicht braucht, niemand sie liebt und es keinem Menschen auffällt, wenn sie wochenlang nicht das Haus verlässt. Regelmäßig betäubt Ida sich daher mit Alkohol, Drogen und belanglosen One-Night-Stands. Doch sobald sich der Nebel lichtet, wird ihr schlagartig wieder bewusst, wie wert- und sinnlos das eigene Leben scheinbar ist. Als Ida an einem Tiefpunkt angelangt, stellt sie sich erneut ihren Ängsten und lässt sich freiwillig zur stationären Behandlung in eine psychiatrische Klinik einweisen – wieder einmal.

Gefühle, das sind diese Dauergäste, die man nicht mehr loswird, die sich breitmachen in allen Räumen des Verstandes und Botschaften wie Leuchtraketen abfeuern, auf dass ja nie jemand sie übersehe. (S. 66)

Drüberleben von Kathrin Weßling befasst sich mit einer Krankheit, die erschreckend viele Menschen betrifft und doch noch häufig hinter vorgehaltener Hand besprochen wird. Es handelt sich hierbei nicht um einen Roman, bei dem die Protagonistin Ida nach einem plötzlichen Sinneswandel am Ende wie von Zauberhand geheilt die Klinik verlässt. Vielmehr begleitet der Leser Idas langsame Weiterentwicklung im Klinikalltag und wird Zeuge ihrer intimsten Gedanken. Dies bedeutet vielleicht an einigen Stellen, dass jemand ohne persönliche Erfahrungen mit Depressionen die Gedankengänge nur schwer nachvollziehen kann, allerdings schafft es Kathrin Weßling mit Sprachgewalt und einem erfrischenden Sprachstil, der sich parallel mit Ida entwickelt, auch diese Leser nicht zu verlieren.

Ida, die als Ich-Erzählerin zunächst abgehackt, ruhelos und verzweifelt wirkt, entwickelt in Verlauf der Handlung einen fließenderen Stil, der bezeugt, wie sie nach langem Sträuben beginnt, sich dem Kampf gegen die Depressionen zu stellen. Anders als zunächst vermutet, wird Drüberleben nicht zu einer schweren Fußfessel, die den Leser nicht mehr loslässt und beklemmt. Vielmehr klappt der Leser das Buch mit dem Gefühl zu, Teil eines sehr persönlichen Prozesses geworden zu sein, der nicht abgeschlossen ist, sich jedoch in die richtige Richtung entwickelt.

Der Goldmann Verlag bietet hier eine Leseprobe an.

Roman, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten.
Erschienen: September 2012 im Goldmann Verlag.
ISBN: 978-3-442-31284-9
€ (D) 16,99 / (A) 17,50
SFR (CH) 24,50*
* unverb. Preisempfehlung

 

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