Grégoire Delacourt – Alle meine Wünsche

Die 47-jährige Jocelyne lebt mit ihrem fast gleichnamigen Mann Jocelyn in der nordfranzösischen Stadt Arras. Was die beiden verbindet, ist unklar. Vielleicht sind es die vielen guten und schlechten Erinnerungen oder die Kinder, die bereits ausgezogen sind. Möglicherweise verbindet das Paar aber auch einfach die Resignation. Einzig ihr kleiner Kurzwarenladen und ihr erfolgreicher Blog „Zehnfingergold“ bereiten Jocelyne aufrichtige Freude im Leben – das Leben, das es ohnehin nicht gut mit ihr meint. Die geliebte Mutter verstirbt früh und der demenzkranke Vater durchlebt seine Existenz in sechsminütigen Episoden. Die Katastrophen in Jocelynes Leben werden durch das dritte Kind gekrönt, dass das Licht der Welt nach der Schwangerschaft nicht erblicken durfte. All diese Ereignisse haben sich in ihre Seele gebrannt. Heute lebt ist die Französin weder glücklich noch unglücklich. Sie existiert einfach.

Doch eines Tages stellt sich das Glück auf Jocelynes Seite, denn die genügsame Frau, die Lotto für Geldverschwendung hält, gewinnt beim ersten Versuch 18 Millionen Euro. Zukünftig darf sie sich also nun mehrfache Millionärin nennen. Doch mit dem Gewinn wachsen nicht nur die Wünsche, die einst mit einem Sparschäler begannen, sondern auch die Zweifel an ihrem Umfeld. Wem kann sie denn genug vertrauen, um die schwere Last, die der Gewinn zu hinterlassen scheint, zu teilen? Für Jocelyne, die ihr Leben auch nach dem Lottogewinn zunächst nicht ändern will, beginnt eine Phase, in der sie ihre Biografie, ihre Träume und ihre Zukunft überdenkt – bis sich der Gewinn in Luft auflöst …

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Alle meine Wünsche von  Grégoire Delacourt ist ein tiefgründiger Roman rund um die persönlichen Wünsche und Ziele, der trotz des geringen Umfangs seine Lesezeit einfordert. Er beschreibt das Leben der Jocelyne, welche die Geschichte aus ihrer eigenen Sicht beschreibt, so trostlos und distanziert, dass der Wunsch entsteht, die Protagonistin einfach zu schütteln, um wenigstens eine winzige Gefühlsregung zu provozieren. Doch die Schicksalsschläge, Gefühle und auch Ängste werden sehr gut mithilfe dieser Erzählweise transportiert.

Trotzdem muss auch bemerkt werden, dass sich die Handlung, die zunächst gemächlich beginnt und sehr nachdenklich wirkt, sich plötzlich von 0 auf 100 steigert – und diese Steigerung geschieht in nicht einmal 40 Seiten. In Anbetracht der Tatsache, dass Alle meine Wünsche einen Gesamtumfang von 128 Seiten hat, wirken die Entwicklungen des letzten Drittels leider zu rasant. Fast scheint es, als gehören Anfang und Ende des Buches nicht so recht zusammen oder stammen aus zwei verschiedenen Federn. Ein paar zusätzliche Seiten hätten diesem Roman wahrscheinlich nicht geschadet. Wer nun denkt, dass Jocelyne nun vielleicht einmal mit steigendem Erzähltempo aus ihrer Starre erwacht, irrt sich gewaltig.

Alle meine Wünsche beginnt wirklich wunderbar. Die französische Erzählweise und die vielen Gedanken, die Jocelyne mit dem Leser teilt, bauen eine Intimität auf, die zunächst an die Handlung binden. Doch leider entwickeln sich die Geschehnisse in eine vorhersehbare, doch trotzdem zugleich überraschende Richtung, die sich kaum beschreiben lässt. Vielleicht trifft hier aber auch nur das Sprichwort zu, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. Doch selbst, wenn das Buch nur bei Liebhabern vollkommenen Anklang findet, regt es zumindest zum Nachdenken über die eigenen Träume an.

Der Verlag Hoffmann und Campe bietet hier eine Leseprobe an.

Originaltitel: Lattés

Roman, gebunden, 128 Seiten.
Erschienen: September 2012 im Hoffmann und Campe Verlag.
ISBN: 978-3-455-40384-8
€ (D) 15,99 / (A) 16,50
SFR (CH) 25,90*
* unverb. Preisempfehlung

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