Annalena McAfee – Zeilenkrieg

Großbritannien, 1997: Honor Tait und Tamara Sim repräsentieren zwei verschiedene Generationen des britischen Journalismus. Honor Tait gilt als Grande Dame der britischen Presse, welche die Großen des Weltgeschehens – Hitler, Franco, Picasso und viele mehr – scheinbar spielend um den Finger wickelte. Heute, mit über 80 Jahren, fürchtet die zurückgezogen lebende Besitzerin eines Pulitzerpreises nichts mehr als die Sensationsgier und Indiskretion ihrer Kollegen.

Tamara Sim hingegen, die guten Gewissens noch als Frischling in der Branche bezeichnet werden kann, ist eine Klatschkolumnistin, die ihre Zukunft in einer verantwortungsvolleren Position sieht. Da kommt Tamara der Auftrag Honor Tait zu porträtieren gerade recht. Doch der lang ersehnte Aufstieg in der Branche scheint ein steiniger Weg zu werden, denn Tamara interessiert sich eher für das soziale Leben der verschwiegenen alten Frau, die sie jedoch lediglich mit den Vorträgen über ihre Arbeit langweilt.

Schon beim ersten Treffen merken die Frauen, dass die Chemie für die Zusammenarbeit nicht stimmt. Während sich Honor nicht einmal Tamaras Namen merken kann, hält diese sie für unendlich überheblich. Beide ahnen in diesem Moment nicht, dass sie die Story ihres Lebens über den Tod hinaus verbinden wird. Doch bis es zum Showdown kommt, zieht Tamara alle Register, um pikante Details aus dem Leben der alten Dame zu erhalten. Diese  hat jedoch sämtliche Tricks selbst bei ihren Interviewpartnern angewandt, doch sie unterschätzt, wozu die britische Presse heute fähig ist, um an eine gute Story zu gelangen.

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Annalena McAfee hat mit Zeilenkrieg einen bitterbösen Roman geschaffen, der dem Leser einen Einblick hinter die Kulissen der britischen Presse gestattet. Keine kennt die Abgründe der Presse so genau wie sie, schließlich hat die Engländerin selbst drei Jahrzehnte im britischen Journalismus gearbeitet. Dies wird an einigen Stellen des Romans sehr deutlich, denn der Schreibstil und die Flut an Informationen erinnern deutlich an den Stil einiger seriöser Zeitungen, wirken jedoch manchmal bisweilen ermüdend.

Die Charaktere werden sehr detailverliebt dargestellt und könnten nicht gegensätzlicher sein. Eine Journalistin der alten Schule, die es gewohnt ist, dass ihr Gegenüber sie mit dem größten Respekt behandelt und eine junge Journalistin, die sich tapfer durch die Medienwelt kämpft. Tamara träumt von der großen Karriere und hat wenig Respekt vor der alten Dame. Wer geht schon mit minimaler Vorbereitung zum Interview mit einer Ikone? Stellenweise ist Tamaras Naivität schon zum Brüllen komisch.

Fazit: Zu Beginn der Lektüre bin ich fast verzweifelt. Ich hab den Roman bestimmt zweimal unterbrochen, weil er mir zunächst einfach zu langatmig erschien. Ich habe mich jedoch tapfer durch das erste Drittel gekämpft und wurde von einem fulminanten und zutiefst erschütterndem Ende überrascht, das mich für den Beginn mehr als entlohnt hat.

Originaltitel: The Spoiler

Roman, Hardcover Leinen, 480 Seiten.
Erschienen: Oktober 2012 im Diogenes Verlag.
ISBN: 978-3-257-06842-9
€ (D) 22,90 / (A) 23,60
SFR (CH) 32,90*
* unverb. Preisempfehlung

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