Meir Shalev – Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

272850_309624062482927_2100343021_o„Die Sache war so“ – so beginnen viele Geschichten der in der Familie des israelischen Autors Meir Shalev. Ebenso beginnt auch sein Roman, der auf anrührende, fesselnde und liebevolle Art von den Erlebnissen seiner Familie berichtet. Besonders Großmutter Tonia nimmt in diesem Roman eine ganz spezielle Rolle ein – sie ist nicht nur das Oberhaupt, das die Familie mit eiserner Hand regiert, sondern auch im ganzen Dorf Nahalal für ihre Reinlichkeit bekannt. Die starke, starrsinnige und praktisch denkende Frau ist aus Russland in das kleine Dorf gekommen und verteidigt ihr Heim mit Putzlappen und Eimer vor Staub und Schmutz. Nun könnte man also davon ausgehen, dass der Staubsauger, den sie aus dem fernen Amerika geschickt bekommt, eine Bereicherung für ihr einfaches Leben ist, doch weit gefehlt! Der Staubsauger, um den sich viele Mythen und Geschichten der Familie ranken, fristet ein einsames und trauriges Leben in einem Bad, das nicht benutzt werden darf.

Doch nicht nur der „Sweeper“ ist eine Legende in der Familie, auch Großmutter Tonia hat in ihrem Leben genug Stoff für abendfüllende Erzählungen geliefert. So erinnert sich Meirs Mutter Batjah auch noch viele Jahre nach dem Tod der Großmutter an die eigensinnigen Sprüche, die Tonia zur legende in der Familie gemacht haben. Auch der Putzdienst, den die Mädchen jeden Freitag zu leisten hatten und die sonstigen Eigenheiten der kauzigen alten Frau zaubern Meir Shalev noch nach vielen Jahrzehnten ein Lächeln ins Gesicht. So wächst er mit vielen fantastischen Geschichten auf, doch keine ist legendärer als das traurige Schicksal des „Sweeper“, den er in seinem ganzen Leben nur einmal zu Gesicht bekommt – während er nachts um drei mit einer jungen Amerikanerin nackt im Bett liegt.

„All das sind unleugbare Tatsachen und unabänderliche Gefühle und Erinnerungen. Aber abgesehen davon sage ich erneut: In unserer Familie kursieren über jedes Ereignis mehrere Versionen. Manche Versionen leben in Frieden nebeneinander, andere widersprechen sich so krass, dass sie Streitigkeiten auslösen.“ – Seite 118 –

Meir Shalev berichtet in seinen Familienerinnerungen, die sich hauptsächlich um seine Großmutter Tonia drehen, auf so liebevolle Art von der Geschichte hinter den Menschen, dass dem Leser auf der einen Seite das Herz vor Rührung stehen bleibt und auf der nächsten Seite ein Tränchen über die Wange rollt, das sich auf der übernächsten Seite in eine dicke Lachträne verwandelt. Die willensstarke und eigensinnige Frau wird so bildlich beschrieben, dass es fast scheint, sie begleite einen mit ihrem Putzlappen auf der Schulter beim Lesen. Auch die anderen Charaktere werden enorm liebevoll und warmherzig beschrieben, doch kein Charakter schillert heller als Großmutter Tonia und ihr amerikanischer Staubsauger.

Fazit: Ich weiß nicht, was ich vor dem Lesen von Meir Shalevs Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger erwartet habe, wohl nicht so ein bewegendes und tiefgründiges Buch, das beim Lesen in mir sämtliche Emotionen geweckt hat. Zunächst war der Roman auch ein kleines Experiment für mich – bisher habe ich mich stets auf europäische und amerikanische Literatur konzentriert und bin überrascht, wie sich das erste Fremdeln aufgrund komplizierter Namen sich in aufrichtige Neugier und vor allem Sympathie für die Familie rund um Großmutter Tonia gewandelt hat. Und ganz nebenbei hat sich herausgestellt, dass das Schicksal eines einsamen Staubsaugers wahnsinnig viel Mitleid erregen kann. „Die Sache war so“ – ein liebevoller Roman fürs Herz, der ohne große Dramen auskommt.

Originaltitel:  Ha Davar Haja Kacha

Roman, Taschenbuch, 288 Seiten.
Erschienen: Novenber 2012 im Diogenes Verlag.
ISBN: 978-3-257-24200-3
€ (D) 9,90 / (A) 10,20
SFR (CH) 14,90*
* unverb. Preisempfehlung

 

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