Lawrence Norfolk – Das Festmahl des John Saturnall

Das Festmahl des John Saturnall von Lawrence NorfolkFernsehköche sind heute oft die großen Vorbilder in der Küche – sie versprechen unzählige exotische Gerichte mit minimalem Zeitaufwand und für möglichst wenig Geld. Doch es gab auch andere Zeiten. Dies beweist der Schriftsteller Lawrence Norfolk mit seinem Roman Das Festmahl des John Saturnall. Er macht in seinen Erzählungen deutlich, dass die Zubereitung von Speisen einst als eine eigene Kunst galt, die eine lange Lehrzeit und viel Talent voraussetzte. John Sandall ist in Norfolks Roman einer der bekanntesten Köche Englands, nicht nur zu seiner Zeit, sondern auch weit darüber hinaus. Lawrence Norfolk erzählt von den Abenteuern, die das Kochgenie einst am Herd von Buckland erlebte, aber auch auch die Geschichte, wie der kleine John zum besten Koch Englands wurde:

Eine Geschichte von Leid und einer großen Passion.

England zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Der junge John Sandall hat es nicht leicht. Seine dunkle Hautfarbe sowie die dunklen Locken brandmarken ihn im Dorf als Außenseiter. Die Kinder akzeptieren ihn nicht und quälen den Jungen täglich. Sie fügen ihm nicht nur seelisch, sondern auch körperlich unermessliches Leid zu. Seinen Vater kennt der Junge nicht und auch seine Mutter hat im Dorf einen schweren Stand. Sie ist eine Kräuterkundige, die schon viele Leben gerettet hat. Häufig stehen die Bewohnerinnen des Dorfes in der Nacht an der Schwelle ihres Hauses, um sich Kräuter, einen Sud oder nur einen Rat zu holen. Dabei sind sie strengstens darauf bedacht, nicht bei Tag vor der Tür der weisen Sandall gesehen zu werden. Hinter vorgehaltener Hand wird diese nämlich als Hexe bezeichnet, doch ihre Dienste werden trotzdem gerne in Anspruch genommen. Dies ändert sich, als ein religiöser Fanatiker im Ort einkehrt. Nun schlagen die leisen Vorurteile in blanken Hass um. John und seiner Mutter bleibt keine andere Wahl, als alles stehen und liegen zu lassen und fernab der Fanatiker ein neues Heim zu suchen.

Ziel ist das Gutshaus von Buckland, das von Sir William Fremantle geführt wird. Hier hat Johns Mutter einst gearbeitet und hier wähnt sie sich und ihren Sohn in Sicherheit. Doch sie sollen Buckland niemals gemeinsam erreichen. Die überstürzte Flucht und die widrigen Umstände fordern ihren Tribut und so entdeckt John eines Morgens den leblosen Körper seiner Mutter. Auch das Heilwissen, das sie ihrem wissbegierigen Sohn einst weitergegeben hat, kann ihr Leben nicht mehr retten. Somit beginnt für John viel zu früh die Selbstständigkeit. Er schlägt sich nach Buckland durch und findet dort als John Santurnall eine Anstellung als Küchenjunge. Sein hervorragender Geschmacksinn sowie sein guter Geruchssinn bringen dem Jungen schnell den Respekt der Köche ein und eines Tages ist es John sogar erlaubt, ein Festmahl für den König auszurichten. Der Junge, der einst vor seinen Verfolgern floh, wird eines Tages der berühmteste Koch des Landes, doch seine Vergangenheit holt ihn irgendwann ein.

Eine anspruchsvolle Reise in das England des 17. Jahrhunderts.

Das Festmahl des John Saturnall ist eine derart vielschichtige Erzählung, dass wahrscheinlich auch die Verarbeitung in mehreren Bänden problemlos möglich gewesen wäre. Es geht hier nicht nur um die Finessen der Küche im siebzehnten Jahrhundert, sondern auch um alte Legenden, politische Machtverhältnisse sowie den religiösen Fanatismus und Hexenwahn, der viele unschuldige Opfer das Leben gekostet hat. Durch die starke Komprimierung der Handlung, die zumindest ein halbes Leben umfasst, treten unzählige Personen auf, die John im Laufe seines Lebens begegnet. Auch die äußeren Umstände werden sehr stark verkürzt und vereinfacht, sodass zwar sehr viele Themen innerhalb der Handlung angesprochen, allerdings bis auf die ausführliche Beschreibung der Kochweise in dieser Zeit nicht näher ausgeführt werden. Lawrence Norfolk nimmt den Leser mit auf eine anspruchsvolle Reise in das England des siebzehnten Jahrhunderts. Weder die einfache Sprache noch Auflockerung durch Illustrationen sowie die gestalterische Umsetzung seines Kochbuches können über diese Tatsache hinwegtäuschen.

Doch so knapp die gesellschaftlichen Umstände des Lebens dieser Zeit beschrieben sind, so ausführlich und liebevoll sind die Personen beschrieben, die Johns Lebensweg immer wieder kreuzen. Neben ihm wird seiner großen Liebe Lady Lucretia besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Da ihre Mutter bei ihrer Geburt im Kindsbett verstarb, wird diese allein von ihrem Vater, Sir William Fremantle, erzogen. Wie es kaum anders zu erwarten ist, spielen auch auf diesem Anwesen Standesunterschiede eine große Rolle. Daher steht ihre Liebe zu John unter einem schlechten Stern. Kaum weniger Aufmerksamkeit bekommen die vielen Gestalten, die sich mit John in der Küche tummeln und jeden Tag aufs Neue für leckere Köstlichkeiten sorgen. Es ist erstaunlich, welches Können und vor allem welches umfassende Wissen die Köche der damaligen Zeit besaßen. Hier darf wahrlich von Künstlern oder Meistern gesprochen werden.

Fazit

Ich liebe das Kochen und daher habe ich die Geschichte des John Saturnall bis zur letzten Seite genossen. Auch die Beleuchtung des religiösen Fanatismus fand ich beim Lesen sehr spannend. Teilweise habe ich mir nicht vorstellen können, dass Menschen so grausam sein können, wie sich Freunde zu Verrätern wandeln und das eigene Leben in Scherben vor einem liegt. Die politischen Verhältnisse wurden leider nicht so ausführlich behandelt. Hier hätte ich mir an einigen Stellen mehr Informationen gewünscht, allerdings hätte das wohl den Umfang des Romans gesprengt. Alles in allem ist Das Festmahl des John Saturnall ein guter Tipp für Leser, die sich nicht vor anspruchsvoller Lektüre fürchten, da doch eine Menge politisches Hintergrundwissen vorausgesetzt wird.

Hier geht es zur Leseprobe.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 448 Seiten.
Erschienen: November 2012 im Knaus Verlag.
ISBN: 978-3-8135-0366-1
€ (D) 24,99 / (A) 25,70
SFR (CH) 35,50*
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