Miriam Pielhau – Radiergummitage

Radiergummitage ist ein guter und treffender Begriff für Tage, an denen wir selbst Mist bauen und niemandem dafür die Schuld in die Schule schieben können. Ein Begriff, der das umschreibt, was wohl jeder gelegentlich ganz gerne tun würde, nämlich Dinge ungeschehen machen – sozusagen das Leben korrigieren. Genau über diese Momente hat Miriam Pielhau nun einen Roman geschrieben. In der Hauptrolle: Maja. 34. Schauspielerin. Bereit für Veränderungen.


radiergummitage-500x759-197x300Format | Umfang: Taschenbuch | 352 Seiten.

Verlag: Dumont Buchverlag
Erscheinungstermin: Mai 2014

ISBN: 978-3-8321-6262-7 

Preis: € (D) 9,99
sFr (CH) 14,90*
* unverbindliche Preisempfehlung

 

Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen – das war gestern

Maja ist 34, Theaterschauspielerin in Braunschweig, Single und mit ihrem Leben ganz zufrieden. Eigentlich. Der nahende Geburtstag bereitet ihr nämlich jede Menge Kopfzerbrechen. Der Grund dafür ist nicht, dass Maja ein Jahr älter wird, sondern die für sie schreckliche Zahl 35. Um nicht ständig darüber nachdenken zu müssen, lässt sie sich etwas ganz Besonderes einfallen. Das neue Lebensjahr muss anders werden. Daher beschließt sie, sich in den kommenden zwölf Monaten regelmäßig besondere Aufgaben zu stellen, die sie mal mehr und mal weniger an ihre Grenzen bringen.

Doch schnell denkt sie sich die Aufgaben nicht mehr wie zu Beginn selbst aus, sondern findet sie ohne Absender in ihrem Briefkasten vor. Maja hat keine Ahnung, wer ihr Leben so durcheinanderbringt. Klar ist, dass sie den Absender kennen muss. Möglicherweise ist es Edu, der Casanova des Theaterensembles, bei dem Majas Herz immer einen kleinen Hüpfer macht? Oder die Briefe stammen von Paule, Majas liebster Kollegin? Vielleicht steckt aber auch jemand ganz anderes dahinter? Für Maja ist das allerdings nicht wichtig, denn die Aufgaben reizen die junge Braunschweigerin. Und außerdem hat sie dadurch beim sonntäglichen Skat mit ihrer selbst erwählten Oma Lina immer wieder neue Gesprächsthemen …

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Mit 35 hatte man einen Mann, ein Haus, ein Baby oder zwei. Und im Laufe der Jahre oder mit Hilfe des Brigitte-Abos sich selbst gefunden. Man hatte Geld, einen Filmpreis oder eine Weltreise im Kalender stehen. Man hatte, wenn gar nichts mehr half, Depressionen oder wenigstens eine amtliche Krise. Maja hatte von alldem: nichts. Wobei, bei der Krise, da war sie sich mittlerweile nicht mehr so sicher. – Seite 39 –

Eine Protagonistin, die auch eure Nachbarin sein könnte

Ich muss gestehen, dass ich lange Zeit keinen Roman mehr so unaufgeregt fand – und das gleichzeitig so genossen habe. Wer nämlich bei Majas Challenges an die Erklimmung des Mount Everest, Tauchen mit Haien oder Tätowieren vom betrunkenen Fremden denkt, irrt sich gewaltig. Majas Aufgaben sind bunt gemischt, aber nicht abgedreht. Einige sind verrückt, andere Aufgaben sind wieder ganz bodenständig. Und genau diese Mischung macht ihre Geschichte so interessant. Maja ist die Frau von nebenan, die wir vielleicht auch selbst sein könnten.

Ebenso realistisch fand ich die anderen Charaktere des Romans. Einen Edu findet man wohl leicht in jeder Stadt. Er ist der Typ Mann, der mit seinem Alter, seinen geplatzten Träumen, ja, eigentlich mit der ganzen Welt nicht zurechtkommt – und trotzdem besitzt er zweifelsohne seine charmanten, witzigen und liebenswürdigen Seiten. Die Freundschaft mit Paule hingegen erinnert mich an die Freundschaften, zwischen die sich nicht die Zeit, sondern das Leben drängt. Manchmal entwickelt man sich in unterschiedliche Richtungen und aus dem „WIR“ wird nach und nach ein „Ich“ voller nostalgischer Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Und obwohl man sich noch immer mag, schätzt und respektiert, wird aus den zwei Individuen nie wieder das scheinbar unzertrennliche „WIR“. Das klingt alles ganz schön traurig, oder? Keine Sorge, der Roman ist keinesfalls schwermütig. Außerdem gibt es noch Leni, die immer wieder für Heiterkeit sorgt. Sie ist wohl der unrealistischste Charakter dieses Romans und gleichzeitig neben der Schnebel der heimliche Star der Handlung.

Fazit

Radiergummitage. Jeder kennt sie, keiner mag sie – und dank Miriam Pielhau und ihrer Protagonistin haben wir nun endlich eine Bezeichnung dafür. Ich muss gestehen, dass ich den Roman zunächst wegen der Autorin lesen wollte. Schließlich konnte mich der Roman allerdings wegen seines Inhalts überzeugen. Trotz vieler komischer Momente und der verspielten Sprache war ich überrascht, wie tiefgründig die Stimmung des Romans ist. Und genau dieser Aspekt gefiel mir außerordentlich gut. Für mich ist Radiergummitage von Miriam Pielhau ein schöner Roman voller Herz, Humor und Verstand.

 

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  • Liebe Katha,

    die von dir in beschriebene ruhige, lebensnahe und dennoch die Neugier kitzelnde Atmosphäre und Botschaft des Romans, spiegeln sich in deiner Rezension ebenso wider. Mithilfe das Ziel nicht verfehlender Worte teilst du (d)eine Meinung und lenkst zugleich die Aufmerksamkeit auf die Freude am Lesen und Leben.

    Herzliche Stöbergrüße schick ich dir,
    Kora

    • Hallo liebe Kora,

      wie so oft denke ich, dass dieser Roman dir auch gefallen könnte. Ich glaube, du würdest Oma Leni ganz besonders mögen. Falls du den Roman liest, bin ich schon sehr auf deine Meinung gespannt.

      Viele Stöbergrüße
      Katha

  • Liebe Katha,
    ich freue mich, dass dir das Buch gefallen hat! ♡
    Klingt toll. So eine unaufgeregte, und doch fesselnde Geschichte braucht man einfach mal.
    Wieder einmal eine sehr schöne Rezension.

    Alles Liebe,
    Sabrina C

  • Hallo Katha,

    es hört sich nach einem stillen, aber trotzdem guten Buch an. „Radiergummitage“ – ein treffendes Wort für solche Lebensphasen.

    Danke für die schöne Rezi, ich werde mir das Buch merken.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      ich finde das Buch besonders schön, weil es so ruhig ist. Der Titel passt auch besonders schön zu dieser langsamen Erzählweise. Insgesamt eine tolle Gesamtkomposition.

      Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung. lass die mich nach dem Lesen gerne wissen. 🙂

      Viele Grüße
      Katha

  • Hallo Katha,

    ich finde es sehr sympathisch, dass unsere Meinungen über Bücher sich oft so ähnlich sind. Dein Zitat fand auch ich mit am Passendsten für die Geschichte. Das zeigt mir, dass wir tatsächlich gemeinsam auf der gleichen Welle surfen. 😉

    Liebe Grüße,

    Steffi

    • Hey Steffi,

      du und ich, wir können uns verlässliche Lesetipps geben. 😀 Das Zitat ist meiner Meinung nach der Konsens von Majas Problemen. 🙂 Wie hat dir denn die Auflösung gefallen.

      Liebe Grüße
      Katha

      • Ja, Katha. Da hast du recht. Das Zitat verdeutlicht die eigentliche Idiotie von Majas Problemen. Probleme, die eigentlich gar nicht sein müssten, wenn sie sich nicht von der Gesellschaft vorschreiben odet drängen lassen würde, WIE genau ihr Leben ausschauen muss. Jeder geht eben seinen eigenen Weg. Grundsätzlich fand ich die Auflösung ganz nett. 😉

        Liebe Grüße,

        Steffi

        Ps: Na dann lies mal „Die Achse meiner Welt“

  • Liebe Katha,

    nun endlich komme ich dazu dir zu sagen, dass ich diese Rezension ganz besonders mag; vielleicht auch, weil es mir beim Lesen dieses Buches ganz ähnlich ging. Dieses Unaufgeregte, Lebensnahe und Realistische mit Tiefgang und ebenso viel Humor. Deine Rezension trifft es auf den Punkt. Dankeschön für die treffenden Worte und das Kernzitat des Buches.

    Hach, ich kann Kora nur zustimmen. Danke, dass du immer wieder deine Freude und Meinung an deinen gelesenen Büchern teilst.

    Hab ein wundervoll-warmes Wochenende,
    Daniela