Mary Scherpe – An jedem einzelnen Tag: Mein Leben mit einem Stalker

Es gibt Bücher, die sich nur schwer bewerten lassen. Zu diesen Titeln gehört auch Mary Scherpes An jedem einzelnen Tag. Für mich stellt sich nämlich bei Tatsachenberichten wie diesem die Frage, was ich überhaupt bewerten will: Mary Scherpe ist Bloggerin, aber keine Autorin, beschreibt traumatische Erlebnisse, folgt aber keinem Plot. Welche Maßstäbe sind also gerechtfertigt, wenn ich dieses Sachbuch empfehle – oder eben nicht?

Alles begann mit ein, zwei beleidigenden Profilen im Internet

Mary Sherpe lebt den Traum vieler Blogger. Ihr einstiges Hobby ist mittlerweile ihr Beruf und sichert ihren Lebensunterhalt. Privat- und Berufsleben lassen sich nicht mehr ohne Weiteres in den Medien trennen. Wer ihren Blog Stil in Berlin kennt, wird wahrscheinlich auch schon einmal etwas von Mary gehört haben. Die Gratwanderung zwischen öffentlichem und privatem Leben war bisher kein Problem im Netz. Doch eines Tages muss sie sich mit einem Problem auseinandersetzen, das meist nur in den Kreisen von Prominenten vermutet wird, weil es noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist: Mary hat einen Stalker. Entgegen der ersten Vermutung stammt der nicht aus dem Internet, sondern aus Marys Umfeld. Das Netz ist lediglich seine Plattform, um der Bloggerin seine Macht zu demonstrieren. Doch sie lässt sich nicht in die Opferrolle drängen, wehrt sich gegen beleidigende Kopien ihrer Onlineprofile und zieht sich eben nicht aus der Onlinewelt zurück.

Mittlerweile hat Mary sogar einen Verdacht, der sich durch Zufall bestätigt. Trotzdem hat sie keine rechtliche Möglichkeit, sich gegen die unerwünschten und unangenehmen Kontaktaufnahmen zur Wehr zu setzen. Solange sie sich nicht von dem Stalker nachhaltig einschüchtern lässt und zum Beispiel ihren Wohnort wechselt oder ihren Arbeitsplatz aufgibt, muss sie diese Angriffe auf ihre psychische Gesundheit erdulden. Denn nichts anderes sind diese Attacken: Der Stalker möchte Mary am Boden sehen, endlich Macht über sie ausüben oder einfach nur zwanghaft ein Teil ihres Lebens und ihrer Gedanken sein. Vielleicht reicht es ihm aus diesem Gründen nicht mehr, die junge Bloggerin nur online zu bedrohen. Mary bekommt immer häufiger Produktproben, Bestellungen und Zeitschriften nach Hause geschickt. Außerdem lässt er sie regelmäßig wissen, wenn er sich vermeintlich in ihrer Nähe aufhält. Doch er hat sicherlich nicht mit Marys Kampfgeist und diesem Buch gerechnet …

Mary Scherpe

Wie ein kleiner Teufel hatte er sich an meinem Bein festgekrallt und zerrte an mir. Biss mir in die Waden, bremste mich, ließ mich stolpern, und ich musste mich sehr anstrengen, damit er mich nicht ganz zu Fall brachte. Los wurde ich ihn nicht; schneller gehen half nichts, wegrennen konnte ich nicht – ich musste ihn überall mitschleppen und jedem erklären, warum mir so eine fiese Kreatur am Knöchel hing. Dachte ich am Anfang, einfach nicht hinschauen zu müssen, war er mittlerweile so groß und hässlich geworden, dass ich ihn nicht mehr ignorieren konnte. Nur mit Mühe und Not kam ich überhaupt einen Schritt voran. – Seite 111 –

Mary muss sich erst selbst vollends zum Opfer erklären, um tatsächlich Hilfe zu bekommen

Bevor ich nun auf meine persönliche Meinung zu diesem Buch eingehe, möchte ich erst einmal festhalten, dass sich meine Bewertung lediglich um formale Dinge wie die Sprache dreht. Ich sehe mich in Anbetracht der Hintergründe nämlich keinesfalls in der Lage, inhaltliche Aspekte zu bewerten. Trotzdem möchte ich natürlich gerade hierzu einiges loswerden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass dieses Buch mittags in meinen Briefkasten flatterte. Ich las den Klappentext, überflog die ersten Seiten und beendete einige Stunden später das Buch, weil ich auf der letzten Seite angelangt war. Wer sich also nach dem Spannungsgehalt fragt, findet hier seine Antwort. Und trotzdem ist das kein Teil meiner Bewertung. Warum? Die Antwort ist ganz einfach: Mary Scherpe folgt keinem Plot. Sie beschreibt ein dramatisches Spiel von Aktion und Reaktion. Die Aktionen möchte ich nicht noch durch eine Form zusätzlicher Aufmerksamkeit belohnen. Marys Reaktionen hingegen kann ich mangels eigener Erfahrungen nicht bewerten.

Trotzdem möchte ich ihr an dieser Stelle meinen ganzen Respekt aussprechen, denn sicherlich ist es nicht leicht, in solch einer Situation nicht den Mut zu verlieren. Gleichzeitig war ich überrascht, wie präsent und gleichzeitig tabuisiert dieses Thema in unserer Gesellschaft ist. Sie zeigt nämlich auch auf, dass eben nicht nur Prominente Ziel solcher Attacken werden. Marys Erlebnisse sind beim Lesen beklemmend, düster und keinesfalls leichte Kost. Kaum vorzustellen also, wie es sich erst in ihrer Haut anfühlen muss. Zusätzlich lässt sie auch andere Opfer zur Sprache kommen. Abgerundet werden die Recherchen von zahlreichen empirischen Untersuchungen und Berichten aus den sozialen Medien. Ich hoffe, dass dieses Buch aufrüttelt, das Thema Mobbing weiter in den Fokus der Öffentlichkeit rückt und somit nicht nur in der Politik, sondern auch in den Köpfen der Menschen ein neues Denken einsetzt. Am schockierendsten waren nämlich noch immer solche Aussagen, die den Opfern eine Teilschuld geben, den Rückzug aus der Öffentlichkeit fordern oder das Problem herunterspielen.

Fazit

An jedem einzelnen Tag von Mary Scherpe zeigt eindrucksvoll, dass Stalkingopfer sich noch immer erst selbst zum Opfer stigmatisieren müssen, um tatsächlich Hilfe zu bekommen. Das Nachstellen stellt nämlich ein sogenanntes Erfolgsdelikt dar. Das bedeutet für Menschen wie Mary, dass sie keine rechtliche Handhabe gegen ihren Stalker haben, solange sie in ihrer Lebensführung nicht nachhaltig beeinflusst werden. Sie müsste also zum Beispiel erst umziehen oder ihren Job aufgeben, um tatsächlich Hilfe zu bekommen. Das ist für sie jedoch keine Option. Deshalb startete sie eine Petition zur Verschärfung des sogenannten Nachstellungsparagrafen. Sie fordert, dass nicht mehr die tatsächliche Beeinträchtigung vorliegen muss, sondern bereits die Möglichkeit einer Beeinträchtigung ausreicht. Über 40.000 Unterstützer hat diese Petition bereits – und doch werden im Netz auch immer wieder Stimmen der Kritik laut, die zum Beispiel vor einem Missbrauch des Paragrafen nach dessen Änderung warnen. Ich stimme Mary Scherpe zu, dass die Gesetzgebung etwas ändern muss. Wie diese Änderung jedoch aussieht, sollte wohl überlegt sein, um den Opfern tatsächlich den Schutz zu bieten, den sie benötigen.

Format | Umfang: Taschenbuch | 223 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe

Erscheinungstermin: September 2014
ISBN: 978-3-404-60829-4

Preis: € (D) 14,99 | (A) 15,50

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