Tijan Sila – Tierchen unlimited

Tijan Sila lebt seit 1994 in Deutschland, ebenso lang wie der Protagonist seines Romans Tierchen unlimited. Beide verbrachten ihre Kindheit in Bosnien, wurden dort von der Gesellschaft, aber auch dem Bürgerkrieg geprägt – bis sie schließlich flohen. Hier enden dann jedoch die Gemeinsamkeiten zwischen dem Autor und seinem Ich-Erzähler.

Von unsicheren Zufluchtsorten

In seinem Debütroman konfrontiert Tijan Sila den Leser bereits auf den ersten Seiten mit dem, was ihn im Verlauf der verschiedenen Handlungsstränge immer wieder erwarten wird: Rohheit. Verpackt in einer einfachen und expliziten Sprache präsentiert Sila Bilder, die für Kurzweile sorgen. Deshalb lässt sich der Roman – den er schnell, hart und immer wieder komisch gestaltet – recht schnell lesen.  Das ist allerdings auch der geringen Seitenzahl, rund 224 insgesamt, geschuldet. 

Die Handlung zu Beginn des Romans  Tierchen unlimited wirkt surreal. Während viele Autoren den Leser auf das vorbereiten, was kommt, vergeudet Sila keine Zeit. Der Protagonist wird vom Bruder seiner Freundin verprügelt – und flieht nackt auf dem Rennrad ins Krankenhaus. An dieser Stelle lernen wir ihn kennen. Er flieht hier nicht vor dem Krieg, sondern den Auswüchsen der deutschen Gesellschaft, denn der Bruder ist ein Nazi. Ohnehin gibt es in dem Roman viele davon. Die Flucht auf dem Rennrad ist also der einleitende Moment eines Romans über Flucht. Somit wird auch gleich zu Beginn deutlich, dass der scheinbar sichere Zufluchtsort für den Namenlosen doch keine Sicherheit bietet. Perspektive: Unsicherheit.

Jeder Krieg hinterlässt Spuren

Trotz der Erinnerungen an den Bürgerkrieg verbindet der namenlose Protagonist mit Sarajevo Heimat, wie in den immer wiederkehrenden Flashbacks deutlich wird. Hier war das Leben trotz der Härte der beginnenden Pubertät scheinbar einfach. Gut und Böse, Freund und Feind – all das ließ sich in der Vergangenheit problemlos unterscheiden. Und überlebte man die Angriffe auf die Stadt Sarajevo, war das Leben hier durchaus lebenswert. Zumindest für unseren Protagonisten, dessen Alltag von Abenteuern, Videospielen und Comics geprägt war. Warum also das Leben in einem Land verbringen, in dem die einstigen Privilegien hinfällig sind, man auf der Hauptschule landet und Rechtsextremismus allgegenwärtig ist?

Weil jeder Krieg Spuren hinterlässt. Je näher der Leser dem Protagonist kommt, desto deutlicher wird diese Tatsache.

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Kiepenheuer und Witsch. 224 Seiten. 18,00 €.

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  • Mhhhh…trifft natürlich den Nerv der jetzigen Zeit und Situation. Wäre mir derzeit zu „harte Kost“ … klingt aber interessant. Wenn ich Ruhe und Muße habe, sicherlich eine Überlegung wert!

    danke dir für den informativen Post und schönen Abend!
    Verena

    • Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      „Den Nerv der heutigen Zeit“… Genau das habe ich auch gedacht. Wie viele traumatisierte Manschen unter uns leben…

      Liebe Grüße
      Kat

  • Schwieriges Werk und dennoch interessant. Ich finde es bemerkenswert, dass der Autor das Thema auf diese Weise rüber bringt. Ich denke es löst einen inneren Konflikt aus. Wie würde ich mit diesen Erlebnissen umgehen?
    Liebe Grüße

    • Puh, das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Ich glaube, die lässt sich ohne persönliche Erfahrung gar nicht beantworten, schließlich haben wir bisher das Glück, dass wir in friedlichen Zeiten leben. Ich bin mir aber nicht sicher. Mir fehlt zum Glück die Vorstellungskraft.
      Liebe Grüße
      Kat

    • Liebe Theresa,
      das Schöne am Urlaub ist, dass man nie zu viele Bücher dabei haben kann. 😉 Ich wünsch dir viel Spaß und Erholung! 🙂
      Liebe Grüße
      Kat

    • Liebe Regina,
      die Thematik ist zwar sehr ernst, aber Komik und Humor kommen nicht zu kurz! 🙂 Viel Spaß, falls du es liest!
      Liebe Grüße
      Kat

  • Ich nehme das Buch mal in die engere Auswahl für 2019 als Urlaubslektüre. Bis dahin ist leider noch eine Menge zu lesen übrig 🙂

    Es grüßt,
    der Aushilfsjedi